Tinder matcht neben Herzen jetzt auch Nieren und Lungen

Ja, richtig gehört: Eine Dating-App versucht quasi, dir deine Organe abzuluchsen – für einen guten Zweck. Ich bin trotzdem dagegen und kann auch erklären, warum.

Tinder für Organspenden

Nach so rührenden Geschichten wie der von Jen Thomas hat sich der Branchenriese Tinder mit dem britischen NHS Organ Donor Register zusammen getan, um Leute dazu zu bringen, sich in die Datenbank für Organspender aufnehmen zu lassen. 

Der Rekrutierungsprozess läuft wie folgt ab: Dem Nutzer werden in der Anwendung neuerdings Profile bekannter britischer Persönlichkeiten zum Matchen angeboten. Entscheidet sich der User, diese tatsächlich zu liken, erscheint eine Nachricht, die in etwa so viel sagt wie: 

„Hey, dieser Match war leicht – aber eine Niere zu bekommen, wenn man sie braucht, ist wirklich schwer. Registrier dich doch bitte unter folgendem Link als Organspender.“

Ähm ... jaaa. Die Idee ist schön und es ist super, wenn Menschen sich für eine Registrierung entscheiden. Aber diese Aktion macht mir trotzdem Bauchweh. 

Warum ich Organspenderin bin

Ich habe mich selbst im Oktober diesen Jahres dazu entschlossen, endlich einen Organspendeausweis auszufüllen. Dass dieser Schritt richtig und wichtig ist, war mir schon seit einigen Jahren bewusst, trotzdem brauchte ich die Zeit, um eine endgültige Entscheidung zu treffen. 

Das hatte verschiedene Gründe: Ein ohnehin angeknackstes Vertrauen in Ärzte, eine diffuse Angst, dass es vielleicht doch ein Jenseits gibt, in dem ich die Organe noch brauche und natürlich die creepy Vorstellung, dass jemand den Rest seines Lebens mit meiner Lunge durch die Gegend läuft. 

Ich brauchte einfach viel Zeit, um mich selbst mit meinen Ängsten auseinanderzusetzen und zu entscheiden, dass ich es wichtiger finde, jemandes Leben zu retten, als für die 0,00000001-prozentige Chance gewappnet zu sein, dass man ohne Niere nicht in den Himmel darf – an den zu glauben ich mich ja ohnehin weigere. 

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Mit Schuldgefühlen zur Spende 

Und gerade, weil das Spenden eigener Körperteile eine sehr fundamentale Entscheidung ist, sollte man Menschen nicht mit so was wie Schuldgefühlen dazu drängen. 

Ich meine, stell dir vor, du hast gerade die olympische Siegerin im Taekwondo gematched und bist wahnsinnig glücklich und flirty drauf und dann kommt jemand mit so einem Hammer. Natürlich fühlst du dich dann schlecht. Du weißt ja ganz genau, dass du spenden solltest. Aber du musst eben nicht. Trotzdem bleibst du mit einem schlechten Gewissen und einem angekratzten Ego zurück. 

Schuldgefühle sind einfach ein echt unfairer Weg, wenn es darum geht, Menschen dazu zu bekommen, das „Richtige“ zu tun. 

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Warum du über Organspende nachdenken solltest

Zu sagen, dass du spenden solltest, ist ziemlich fordernd. Aber zu sagen, dass du darüber nachdenken solltest, ist nicht zu viel verlangt. 

Mir hat es jedenfalls geholfen, die eigenen Ängste und Vorstellungen in regelmäßigen Abständen neu zu hinterfragen und mit Freunden und Familie zu besprechen. Das hat bei mir mehr bewirkt, als jede „Wie würde es dir gehen, wenn du auf eine Niere wartest?“ -Werbung. Und wenn du dich am Ende dagegen entscheidest, ist auch das dein gutes Recht!

Ich bin inzwischen jedenfalls froh, mich überwunden zu haben. Tatsächlich denke ich gar nicht mehr über den Spenderausweis in meiner Tasche nach. Aber eines Tages, wird er jemand anderem vielleicht das Leben retten – und das ist für mich der wirklich beste Grund um Organspender zu werden. 

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Fang heute an, mit Freunden über Organspenden zu reden!

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Titelbild via Anna Koch

Dieser Artikel ist Teil unseres Ressorts Caring, in dem es um Dinge geht, die unsere Welt besser machen: Konsum, Umweltschutz, Gerechtigkeit, Gesellschaft. So wie in diesen Artikeln: